Die Verborgenen

Märchenbuch Ilustration


Die Verborgenen

Manchmal, wenn man ganz allein draussen ist, in der Natur, im Wald, bei den Steinen oder auch am Meer, da spürt man es. Es ist als wären noch andere da. Nich Menschen, Andere. Man kann sie nicht sehen, aber man spürt es. Ich rede nicht von Gespenstern oder so was, ich rede von dem, was die Römer „genius locii“ nannten, den Geist eines Ortes, vielleicht auch die Geister.

Die Isländer erzählen sich, wie das Verborgene Volk entstanden ist:

Als Adam und Eva schon längere Zeit zusammen waren und schon viele Kinder hatten, da kam eines Tages der Herrgott überraschend zu Besuch und verlangte, die Kinder zu sehen. Nun hatte Eva aber noch nicht alle der Kinderschar gewaschen und angezogen und geschniegelt und gebügelt und so zeigte Sie dem Herrgott nur die, die bereits hergerichtet waren. Darob geriet der Allmächtige in Zorn, denn er sieht und weiß ja bekanntlich alles und lässt sich so einfach nicht hinters Licht führen (das er ja selbst erschaffen hat). Voller Wut sprach er „Eva, die Kinder, die Du vor mir verborgen hast, sollen den Menschen für immer verborgen sein!“ denn er war ein strenger Gott. So wurde aus den schmutzigen Kindern Evas das verborgene Volk.

Andere erzählen sich, die Verborgenen seien die Kinder Liliths, Adams erster Frau. Viel wissen wir nicht über sie, manche sagen, sie habe sich gegen Gott und gegen Adam aufgelehnt und sei verstoßen worden, manche sagen, der Teufel habe auf dem Lehm, aus dem sie geschaffen, gespuckt und wieder andere sagen, sie habe Gottes geheimen Namen herausgefunden, daher konnte Sie von Gott Flügel fordern und flog in die Freiheit.
Man sagt, sie habe sich dann mit Tausenden Dämonen in der Wüste, in der immer Nacht ist, niedergelassen und jede Nacht tausende Kinder, Dämonen und Geister gezeugt, die das verborgene Volk wurden. Man sagt, sie können nur des Nachts existieren, bei Sonnenlicht werden sie zu Stein.

Das Felsenmeer wiederum, da sind sich die Lautertaler einig, ist entstanden, als vor langer Zeit zwei Riesen, die auf den sich gegenüberliegenden Bergen hausten, in Streit gerieten und sich mit Felsen bewarfen. Unter den großen Steinen im Felsenmeer liegt der unterlegene Riese und wenn es ganz still ist, kann man ihn manchmal stöhnen hören. Vielleicht ist das aber auch nur das Wasser der Quelle, an der angeblich Siegfried feige ermordet wurde.

Wie das auch immer sein mag mit dem verborgenen Volk, die Gesichter sind da, in den Steinen, und nicht nur Gesichter, ganze Tiere, Tierköpfe und Monsterfratzen. Es gibt auch Leute, die sagen, das gibt es nicht, das haben sie noch nie gesehen. Ich sage, Luft habe ich auch noch nie gesehen, trotzdem ist sie da. Ich weiß auch, dass es viele Tiere im Wald gibt, auch wenn ich sie gerade nicht sehe und ich weiß auch, dass ich oft Sachen nicht sehe obwohl sie eigentlich da sind. Meine Schlüssel zum Beispiel.

Also: Wenn Ihr wieder mal draußen seid, im Wald, bei den Felsen oder auch am Meer, achtet auf das verborgene Volk. Man kann sie sehen, im Stein, in den Bäumen, vielleicht auch in den Wellen. Ich weiß nicht, ob sie für alle Zeit versteinert sind oder ob sie des Nachts zum Leben erwachen. Wenn das so wäre, könnte es Nachts im Felsenmeer ein wenig unheimlich sein, oder?